Informationen zu Künstlern und Werken

1) Prof. Karl-Heinz Adler (1927-12018), international bekannt als Maler konstruktiver Richtung, hat sich immer wieder auch verbal artikuliert. Sein vertikaler Text über das „Denken“ und „die Welt denken“ ist mit seinem Werk der Malerei eng verbunden, was vielleicht im ersten Moment überrascht. Er ist ein Künstler, der die Prämissen seiner Arbeit oft philosophisch spekulativ ergründet. Sicherlich lassen sich Text und Malerei getrennt erfassen, doch ist das Wissen, dass der Autor auch Maler ist, ein zusätzliches Spannungsmoment.

2) Ernst Buchwalder (1941-2014) kommt in Hünfeld mit nur zwei Wörtern aus. Es ist sicherlich beeindruckend, wenn an einer Wand das Wort „alles“ so gedrängt und groß beinahe allein steht. Es würde aber weniger zum Nachdenken anregen, wenn ihm nicht noch das Wort „oder“ mitgegeben wäre: Ein bisschen darunter und wesentlich kleiner. Dennoch ist es dieses kleine Partikel, das wieder einmal „alles“ in Frage stellt. Ein Text aus zwei Wörtern, der eine große, unausgesprochene Frage enthält.

3) Julien Blaine knüpft seine philosophische Einsicht „der Schöpfer schafft Schöpfungen, die Geschöpfe schaffen“ an den französischen Wortstamm „cré“, der den Substantiven wie den Verben zugrunde liegt. Die deutsche Übersetzung ist in diesem Fall mit „Schöpfer“ und „schaffen“ vergleichbar ebenbürtig. Als Spruchweisheit ist mit der Zurückführung der Bedeutung auf „klangliche Visualität“ genau die Einheit entstanden, welche von der konkreten Poesie oft angestrebt, aber nicht oft in ähnlicher Dichte erreicht wird.

4) Jürgen Blum (1930-2015) ohne den „Das Offene Buch“ wie er die Fassadenaktion selbst bezeichnet, nicht zustande gekommen wäre, ist eine so vielseitige Begabung, dass es schon selbstverständlich ist, ihm ebenfalls auf einer Seite seines Buches zu begegnen. Seit 1961 – die 60er Jahre waren die Jahre der experimentellen Poesie und ihrer weltweiten Verbreitung - ist er ein Dichter–Denker. Seinem Dreieck aus Großbuchstaben, mit den vom „A“ besetzten Ecken, gab er den Titel: „ Immer wieder ein Anfang“. Es gibt dabei kein Ende, und der Inhalt ist das Leben selbst. 50 Buchstaben, in 8 Zeilen geordnet, bilden das ganze Alphabet und sind eine spannende Bestandsaufnahme unseres Sprachmaterials. Bemerkt man, dass das „V“ fehlt?

6) Hamajo Chisato. Die quadratische Anordnung des einzigen Zeichens – ein Einwortgedicht – gibt dem Sitzen der Sitzenden eine ruhige Würde. Es wird Ruhe, Sammlung und Kontemplation übertragen. Das Zeichen kann sowohl als Verb als auch als Substantiv verstanden werden. Als letzteres bedeutet es auch Gesetz.

7) Augusto de Campos aus São Paulo kann nicht fehlen in der internationalen Fassadenaktion. Was sich in einem übersichtlich strukturierten Text abspielt von „mit Klang“ links oben bis „ohne Klang“ rechts unten, beruht in klassischer Weise auf Silben der portugiesischen Sprache. Sie sind fast ohne Vokabular zu verstehen, mit Hilfe von Latein und Spanisch: com som = mit Klang, can tem = singt es, con tem = enthält es, ten são = Spannung, tam bem = auch, tom bem = guten Ton, sem som = ohne Klang. Die Möglichkeiten einer solchen Silbensprache mussten zur Konkreten Poesie führen!


8,15) Klaus Peter Dencker Der Text bringt auf knappstem Raum mehrere Lesemöglichkeiten: VERS – VERSEHEN – STEHEN – VERS - EHEN: Anzunehmen ist, dass „Verstehen“ die Zusammenfassung aller Möglichkeiten ist, was nun ja auch wirklich zutrifft! Klaus Peter Dencker hat sich mit diesem Gedicht der Situation angepasst, was umso mehr zu würdigen ist, als er sonst gerne und meisterhaft mit einer Mischung von Medien arbeitet „Ich weiss, Du weisst … Sie weisst“. Auch das zweite Wandgedicht von Klaus Peter Dencker stellt der Normalität ein Bein. Der Teufel sitzt im Detail. Warum sollte „ Sie weisst“ nicht stimmen? Man sagt doch auch: Sie verweisst. Die ganze Semantik hängt wieder einmal an einem kleinen „t“.

10) Stanislaw Drózdz (1939-2009) kommt ebenfalls mit einem Wort aus, aber er macht daraus zwei gegensätzliche Begriffe. Er lässt es offen, ob sich der Leser für „MIKRO“ oder „MAKRO“ entscheidet. Es kommt nur darauf an, in die Lücke nach dem „M“ entweder das „I“ oder das „A“ zu wählen. Das Gegensätzliche hebt sich allerdings dadurch auf, dass beide Leseweisen, beide Entscheidungen gemeinsam den Rest des Wortmaterials benützen. In „Einem“ ist demnach das Zweifache enthalten, eben das Gegensätzliche. Wichtig: Der Leser muss handeln.

11) Guillermo Deisler (1940-1995), der in Chile geborene Dichter, verwendet die Figur der Pyramide in Gleichsetzung des Turms von Babel. Das heißt, dass die Welt der Sprache, deren Symbol der Turm von Babel ist, die Bedeutung der Pyramide an Größe und Alter erreicht hat. Eines der Monumente ist dem anderen ebenbürtig.



12,13,14) Für Peter Daniel sind Buchstaben Nomaden, die durch Wüsten ziehen. Und im Zelt ihren Tempel haben. Ein prächtiger Gedanke – an einer Hauswand in Hünfeld zu lesen. Doch so realitätsfern ist das wieder nicht. Es gibt heute schon viele Nomaden, da wie dort. Und das Wort „ Zelt“ wird einem durch Katastrophenmeldungen oft näher gebracht, als einem die Metapher lieb ist. Was wie ein leichthin gesagter Satz wirkt, streckt Fühler aus. „brüchig wie milch und honig“ klingt irgendwie vertraut wie ein Sprichwort – ist es aber nicht. Der Satz lebt durch den größtmöglichen Gegensatz. Seine Aussage stimmt nicht, spricht jeder Erfahrung Hohn. Geheimnisvoller Weise bleibt er jedoch haften im Kopf, und je mehr man ihn besitzt, desto öfter wird er beispielhaft angewendet werden. Hünfeld verfügt über ein neues Sprichwort. Ein Kreuzsatz wie „ die frage nach dem sinn ist sinn der frage“ lebt zum einen wie alle Kreuzsätze aus dem Sinn ihrer Konstruktion, zum anderen aus dem sich einstellenden Tiefsinn. Auch hier: Allein die Frage stellen, ist schon wichtig, oder eben schon sinnvoll. Der Stadtwanderer wird ähnliche Sätze bilden, und schon lebt der Sinn auf.



16,17,18) Der Beitrag von Gerhild Ebel ist eine visuelle Lösung. Die Künstlerin stellt den Kontrapunkt von Lärm und Stille dar, verquickt die beiden Begriffe in Kleinschreibweise so, dass sie nur als Gegensatzpaar ein Ganzes ergeben. Dabei zeigen sich gestalttheoretische Merkmale von der besten Seite. Nicht unwichtig wieder einmal das Spiel der Punkte über ä und i. Dass das Ideogramm an der Fassade einer Grundschule angebracht ist, macht es überdies „bezeichnend“. Wie ein Teil für das Ganze stehen kann, trägt die Autorin in attraktiven, überzeugenden Beispielen vor. Es sind Doppelbegriffe, die kein Besucher ungelesen und ungelöst passieren kann. Trotz der angeschnittenen Buchstaben ist „virtuell“ durchaus auszumachen. Die typografisch gut gelösten „Unterlängen“ machen stutzig. Tatsächlich sind auch sie Teile von Buchstaben und damit eines ganzen Wortes: So steht dem „virtuell“ das „reell“ gegenüber. Die beiden „ll“ in jedem Wort werden dabei zu markanten Zeichen. Ein Gegensatzpaar bilden auch „fülle“ und „leere“. Man lernt sehr rasch, dass ein Bogen Oberteil des Buchstabens „e“ ist und sich dabei gelegentlich mit einem „e“ des Gegenbegriffs zu einem Beinahe-Kreis schließt. Es sind nicht nur die Begriffe, die provozieren, es sind vor allem die Angebote von Buchstabenteilen, die die Aufmerksamkeit kleiner und erwachsener Flaneure unbedingt gewinnen.


23,27) Der Text von Eugen Gomringer ist seinem ersten Gedichtbuch aus dem Jahr 1953 entnommen. Er gilt als eine Inkunabel der Konkreten Poesie. „das schwarze geheimnis ist hier - hier ist das schwarze geheimnis“ bezieht sich nach konkreter Theorie auf sich selbst und findet im Text an Ort und Stelle statt, wobei die Assoziation mit der schwarzen Kunst des Druckens nicht auszuschließen ist. Wichtig ist bei der Gestaltung die fixierte Form, wodurch das Gedicht nicht ortsgebunden ist, auf der Fläche der Hausfassade jedoch die Attraktivität eines Bildes erhält. Mit der Flächenkonstellation w-i-n-d ist ein klassisches Beispiel der Konkreten Poesie in das “Offene Buch“ von Hünfeld aufgenommen worden. Der Autor, der mit Vorliebe naturnahe Themen bearbeitet, gestaltet den Begriff „wind“ als Windrose, so dass das Wort in vier entgegengesetzten Richtungen zu lesen ist. Zwischen den Buchstaben ist viel Luft. Die Entdeckung des ganzen Wortes „wind“ hat schon Genrerationen von Schülern und Lehrern Spaß bereitet, und es war öfter auch Gegenstand choreografischer Experimente. Das Konkrete Gedicht ist nicht ein Gedicht über einen Gegenstand, sondern realisiert den Gegenstand im sprachlichen Ursprung.


24,35) Heinz Gappmayr (1925-2010), einer der Väter konzeptioneller Poesie und weltweit bekannt durch sein umfangreiches Werk, gibt dem Einzelwort eine unvergleichliche Faszination. Selbst ein einziges Wort, schlicht auf einer weißen Fläche dastehend, schafft bei ihm Dimensionen an Raum und Zeit. Ein gutes Beispiel sind die vier untereinander stehenden Begriffe. Der Leser wird sich ihre Folge überlegen und jedes Wort in seiner Bedeutung neu erleben. Schön auch, dass die vier Worte von abwechselnder Länge sind, woraus sich ein Rhythmus in den Überlegungen ergibt. Im Beispiel „ fast alles fast nichts“ hält das wiederholte „fast“ eine Konstanz inne, die es zum wichtigsten Wort macht. „fast“ relativiert sowohl „alles“ als auch „nichts“. Die Weisheit des Satzes dürfte manchen Lesern vertraut sein, sollte aber von einem vernünftigen Streben wohl nicht abhalten können.



25,28,31) Ilse Garnier. Von Ilse Garnier stammt der Text. „Licht-Gedicht-Fichte-ichnichts“. Die 5 Zeilen enthalten im Kern ein berühmtes philosophisches Denken: Die Ich- Setzung („Das Ich setzt sich als Ich“) des deutschen Philosophen Johann Gottlieb Fichte (1762-1814). Sowohl Licht wie Gedicht sind Fichte bzw. dem Durchgehenden „Ich“ untergeordnet. Konkrete Poesie gibt der Sprachkürze Denkweite (frei nach Jean Paul). Auch der Satz „Wer den Raum fühlen will, muss jeden festen Punkt aufgeben“ geht ins Grosse. Die Raum-Poetin Ilse Garnier weiß, wie man Sprachräume herstellt. Einzigartig ist das „Fühlen“ des Raumes, was mehr ist als jede Wissenschaft vom Raum. Im Beispiel „Schmetterling“ – „papillon“ wird der Einbezug des Raumes deutlich und ein wunderbar poetisches Bild gestaltet. Ilse Garnier nimmt zu den Buchstaben des Wortes „papillon“ noch eine Folge sich verändernder Bögen hinzu und fertig ist der Schmetterling. Wortbedeutung und Wortbild sind identisch.

26) Klaus Groh, geboren in Neiße (Schlesien), hat sich bewusst einer bestimmten Fassade angenommen, einem schmalen, rechteckigen Stück Wand, das sich betont horizontalverhält. Da schreibt er „Horizont“ hin, aber damit es nicht einfach bei einer Abbildung bleibt, legt er eine schräge Linie durch das Wort. Frage: Ist das nun der wahre Horizont? Liegt das Wort falsch? Findet der Horizont gar nicht statt – da zwischen den Häusern –, und wird man darauf aufmerksam, wenn eine schräge Linie hindurch führt? Muss sich das alles einpendeln? Örtlichkeit und Begriff, Schrifttypus und Kraft der Einfachheit passen ausgezeichnet zusammen.

29) Den Weg der figurativen Lösung schlägt Zbigniew Gostomski (1932-2017) vor. Nicht nur, dass die nach oben zur Spitze auslaufende Dreiecksgestalt deutlich den Tannenbaum imitiert, den Fuß bildet auch noch die allseits bekannte Liedzeile, „Wie treu sind deine Blätter“. Die Blätter sind in diesem Fall wiederholte „A“. Liedzeile und Baumgestalt bilden die Verdoppelung eines Zeichens durch ein Icon und ein sprachliches Symbol.
32) Elzbieta Gawlikowska Labecka. Sie realisiert eine Fassade mit dem Text „AB OVO“ also „vom Ei“, und somit vom Anfang an. Damit fordert sie den Betrachter auf zu überlegen, ob der Mensch imstande ist zu erkennen, was damit gemeint ist. Der Begriff wird sehr oft benutzt, aber was war vor dem Anfang? Ich glaube, dass die Reichweite unseres bewußten Denkens sich nur auf unsere Erfahrung bezieht und nicht auf das Wesen, dem wir sehr entfernt stehen. Also bleibt „AB OVO“ offen und entzieht sich jeder Behauptung und Erfahrung.
33) Pierre Garnier(1928-2014) zeigt mit seinem Tableau, bestehend aus den 5Vokalen u-o-i-e-a, welche im Wort „oiseaux“ (Vögel) enthalten sind. Es sind singende Vokale. Man muss den Versuch machen – damit rechnet der Dichter –, diese 5 Vokale Zeile um Zeile zu lesen, und wird erstaunt bemerken, dass man eine Vogelstimme imitiert. Es entsteht eine Identifikation von Naturstimme und Vokallauten. Und vorgegeben wird alles durch das Wort „Vögel“ oder französisch: les oiseaux.

34) Bohumila Grögerova (1921-2014). Was sich als majestätischer Text von dieser Wand abhebt, ist das Bekenntnis „Freiheit“ in deutsch, englisch und tschechisch. Er wirkt in Versalien wie ein Gesetzestext, gültig für alle Zeiten. Im Lesevorgang Zeile um Zeile festigt sich der Inhalt.

36) Ewerdt Hilgemann. Der bekannte Gestalter von Materialbildern, Plastiken und Objekten hat sich vor allem durch seine Implosionen von Körpern einen Namen gemacht. Er schreibt auf einen implodierten Körper „Panta Rhei – alles fließt“, das berühmte Wort des Philosophen Heraklit. Hilgemann bezieht das Wort auf die unaufhörliche Veränderung der Welt, in die auch seine Implosionen einbezogen sind.

37) Werner Herbst (1943-2008). Dieser kritische Text zum Aussterben stellt einen Fortgang offensichtlich durch Reduktion dar. Nachdem auch ein Ort ausgestorben ist, bleibt nur die offene Stelle: Ein – stirbt aus. Hier gilt das Wort, dass die Methode, das Bild oder den Text macht. Das Aussterben eines Wortes ist ein trauriger Vorgang. Worte gehen verloren. Man wird die Wand, an der das geschrieben steht, nicht ohne Nachdenklichkeit verlassen.

38) Annegret Heinl, Jan Steklik. Sie beteiligten sich gemeinsam an einer Fassade ohne Fenster und Türen, auf der die Einrichtungen dahinter aufgezeigt wurden. Wie oft gehen wir an einer vermeintlich bedeutungslosen Wand vorbei, ohne uns vorzustellen, was sich dahinter befindet? Erst die Beschriftung der inneren Funktionen weckt die Neugier, die vieles erzählen lässt. Wenn die Hauseinrichtungen sprechen könnten, würden Geschehnisse, die sich dort abspielten, Geschichten erzählen, die unsere Phantasie nicht wiedergeben könnte.

39) Beim Text von Jiri Húla geht es um „Perspektive“. Folgerichtig geht es dabei aber auch um die physikalische Perspektive in Form des offenen Dreiecks und die geistige Perspektive in Form des Kreuzes. Es begegnen sich also Körper und Geist im Schnittpunkt „a“. Ein Begriff wird visuell interpretiert und zu einem großartigen symbolischen Zeichen – alle können es sehen und lesen! Wie bei fast allen Beispielen wird hier einer der Vorzüge der Konkreten Poesie deutlich, nämlich das einfache, knappe Vokabular. Die Wörter einer fremden Sprache sind entweder sofort in Sinn und Bedeutung erkennbar oder leicht erlernbar. So wird zwischenmenschlich und übernational die Kommunikation erleichtert. Übrigens wird man auch in diesem Fall nicht eines unbedeutenden strukturbedingten Ergebnisses gewahr: Es lässt sich auch das Wort „aperspektiva“ herauslesen.

40) Timo Heimann (1933-2005). Der Künstler perfekter Bilder, hauptsächlich linearer Gestaltung, war auch ein Sprachdenker. Die monumentale Zahlenfolge in Buchstaben liest sich in Ziffern 11092001, bezeichnet also das Datum des Terroranschlages in New York. Durch die Schreibweise wird eine beeindruckende Epitaphwirkung erreicht.

41) Kira Hanusch. Das Wort „alleinsein“ schließt in dieser Analyse mehrere Wörter in sich ein, die jedes für sich stehen können. Der Autor setzt aber das „eins“ in die Mitte, was suggerieren kann, dass alles „eins“ ist. Die Nähe zu einem berühmten Text des Mystikers Meister Eckehart ist deutlich, aber Kira Hanusch betont deutlich am Anfang und am Ende das „alleinsein“.

42) Zu wenig bekannt ist vielleicht die Tatsache, dass Václav Havel (1936-2011) nicht allein ein berühmter Dramatiker und heute selbstverständlich tschechischer Ex-Staatspräsident ist, sondern auch, dass er zu den Pionieren der Sprachgestaltung im Sinne der Konkreten Poesie zählt. Er macht mit drei Wörtern – já = ich, slova = Worte, ty = du – eine Beziehung sichtbar, die von Worten abhängt und sich aufWorte stützt. „Ich“ und du“ kommen von entgegengesetzter Seite in “Worte“ zusammen, bleiben aber auch durch „Worte“ getrennt. Es ist schön zu sehen, in welcher Art und Weise die Begegnung - nur getrennt durch „Worte“ – sich vollzieht: Anmutig, beweglich wie Wasser. Die Monumentalität der Wortsäule sagt alles.

43) Kamimura Hiro. Der Titel des japanischen Gedichts lautet „Die Lage“. Das sind die beiden oberen Zeichen, die von der unteren Gruppe durch einen Punkt getrennt sind. Die Gruppe der sechs Zeichen umfasst: Abendsonne, von Tag zu Tag, im Westen. Vorgänge in der Natur in poetischer Form wiederzugeben, ist eine Gabe, manchmal eine Aufgabe der japanischen Dichtung. Mit dem Titel „Die Lage“ wird der tägliche Sonnenuntergang im Westen ohne Sentimentalität als Gegebenheit akzeptiert.

44) Annegret Heinl. Die persönlichen Fürwörter, ich, du, er, sie, es, wir, ihr, sie zählen in den meisten Sprachen zu den wichtigsten Wörtern der Grammatik. Sie werden in dieser Gruppierung an der Wand durch Farben und durch die Leserichtungen waagrecht und senkrecht unterschieden. Es entstehen Feinheiten der Deutung, etwa wenn das WIR eine Klammer bildet für DU und IHR.

45) Josef Hiršal (1920-2003). Es ist der Konkreten Poesie wie kaum einer anderen Kunst gegeben, den Fluss der Zeit einen Moment anzuhalten. Anzuhalten durch das Jetzt. Hirsal macht das Jetzt in monumentaler Kraft zum Schnittpunkt von morgen und abend. Es wird durch diese Mittelstellung zum high noon. Die senkrechte Säule zeigt an, dass hier die Zeit angehalten ist. Morgen und Abend wirken durch die Schrägstellung wie Schatten um das Jetzt.
46) Dietmar Herzog. „Es gibt nichts Gemeinsames, nur die Sprache schafft Gemeinsamkeiten“. Abgesehen davon, dass Sprache auch entzweien kann und Unstimmigkeiten verschärft, ist der gute Sinn des Satzes zu bevorzugen und zu beherzigen. Denn so lange gesprochen wird….. Der Autor denkt an die grundsätzliche Kommunikation. Es sollte möglich werden, den Satz voll und ganz zu bejahen.

47) Monika Iwicki setzt das Wort „Obdach“ deutlich ins Zentrum und lässt von diesem Stammwort andere Wörter herauswachsen. Dabei fällt auf, dass das Anfangs – O für sich allein steht und mit seiner runden Form richtig schön auch das „Oben“ vertritt. Man beginnt „oben“. Dann aber heißt es da: BIT-GRADRAIN (deutsche und englische Bedeutung!)- WICHT- EHRE. Unter diesen Wörtern gibt es aber wiederum Verbindungen, z.B.: „ARIE“. Werwill, kann auch „IHRE ARIE“ herauslesen usw. Konkrete Poesie in ihrer klassischen Form.

48) Piotr Iwicki bezieht sich figurativ auf den Fernsehbildschirm und hat das Wort PERSONA mit Wiederholungen in einem Rechteck so sehr überlagert, dass es gerade noch am Rande lesbar ist, sonst aber wie das Kauderwelsch am Fernsehen weder seh- noch hörbar ist. PERSONA ist nicht mehr unterscheidbar. Iwicki spielt damit auf die Unlesbarkeit des täglichen Geschehens an. Durch die Überlagerung des Wortes PERSONA entsteht ein Muster von Linien, die das Flimmern eines Bildschirmes imitieren.

49) Antonio Avila Jimenez. Mit Feuerzeichen will der bolivianische Dichter einer in seiner Vorstellung lebenden Frau gedenken. In mehreren seiner Gedichte spricht der Dichter in mystischen Visionen Frauen und Seelen an, die in der Nacht erscheinen. Es gelang ihm, starke poetische Bilder vor das innere Auge zu zaubern.

50) Dr. Hyung Won Koh. Der koreanische Dichter ist mit den Gestaltungsmethoden der Konkreten Poesie bestens vertraut. Dank der elementaren Formen der Schriftzeichen seiner Sprache erhalten ihre visuellen Darstellungen magische Kraft. Seine Poesie bezieht ihren Stoff fast ausnahmslos aus dem Nahbereich des Lebens und der Familie. Der obere Block besteht aus dem Zeichen „Meer“, der mittlere aus dem Zeichen „Schiff“, der untere aus dem Zeichen „Mensch“, der deshalb „Schiff“ und „Meer“ in sich enthält.

51) Noch wortreicher ist der Text von Meta Keppler aus Reutlingen. Sie hat ihren Text analog zur senkrechten Fassadengestaltung so angeordnet, dass er durch den Lesevorgang von oben nach unten zum Textbild wird. Sie sagt: „Das Formlose nimmt jede Form an“, und es sei die einzige Form. Im nahen Vergleich mit der Fassade gibt man ihr Recht. Sie hat den Text aus 11 Zeilen so gesetzt, dass jedes Wort einzeln über dem nächsten darunter stehenden liegt. Das Auge pendelt sozusagen von Zeile zu Zeile, wobei allerdings das „FORMLOSE“ ins Auge springt!

52) Lars Olof Loeld. Im Raum schwebt ein poetischer Satz. Linear gut zu lesen, garniert mit tanzenden Wörtern. Der schwedische Poet bringt mit Sprachwitz „Das Ding an sich zur Ansicht“. Der freie Rhythmus gefällt dem Auge und bereichert die Umgebung.

53) Natalia Lach-Lachowicz schreibt in großen Lettern das Wort AMOR. Sie schreibt es in der Pfeilform, also in drei Richtungen. Man macht rasch aus, dass jede der drei Richtungen jeweils auch in umgekehrter Reihenfolge sinnvoll gelesen werden kann. So wird aus AMOR ROMA. Dazu die Dichterin:“Der Text hat mehrere Bedeutungen, zum einen geht es um den mythologischen Liebesengel, aber auch um das ewige Rom. Ein Spruch besagt: Krakau wurde erbaut, aber der Weg führt nach Rom. Der Papst kommt aus Krakau, sein Weg führte nach Rom. Die Anordnung ist ein Pfeil, der in die Unendlichkeit weist“.

54,55) Anders Lidén. Die beiden Texte von Anders Lidén unterscheiden sich von anderen durch ihre Verbindung zu je einer geometrischen Figur: Dem Kreis und dem Halbkreis. Wo bei AURORE Halbkreis und Horizontlinie das Wort verdeutlichen, kommt im Beispiel „Alles kommt aus dem Punkt“ alles, d.h. der ganze Satz, aus einem Kreis heraus, genauer aus dessen Mittelpunkt. Die Verbindung von Text und einem anderen Darstellungsmittel ist zum Merkmal der neuen Visuellen Poesie geworden.

56) Manfred Luther (1925-2004) aus Dresden denkt über „Asche zu Asche, Materie zu Materie“ und setzt darüber das Zeichen des Kreislaufes. Wenn man sich vorstellt, dass die ehernen Worte eventuell allein ohne Zeichen stehen könnten, wird man doch wiederum den Kreis vermissen. Die Kreisgestalt ist ja auch ein großartiger Blickfang. Was darunter steht, muss man einfach lesen. Die Kreisgestalt schwebt darüber.
57) Joseph Linschinger. „etc“ ist nicht nur ein eindrückliches Typogramm, die Bedeutung dieser Abkürzung „für alles Folgende“ ist auch literaturwürdig geworden. Typogramme entstehen durch die Betonung der Buchstabengestalt, so dass die alltägliche Erscheinung plötzliche Aufmerksamkeit erhält. Es ist in diesem Beispiel insbesondere der Buchstabe „t“, der hier in Form des lateinischen Kreuzes zu einem memento mori wird und mit dieser Bedeutung ins Auge fällt.


58,59) Richard Paul Lohse. Ein eherner Satz aus dem sozialen Verantwortungsgefühl des großen Künstlers und Theoretikers aus dem Kreis der Züricher Konkreten Kunst. Lohse hat wie kein anderer die Kunst durch seine Thesen der gesellschaftlichen Rechenschaft unterzogen – und ebenso die Gesellschaft in Bezug auf die Kunst.


60,61) Ursula Menzer. Die Autorin analysiert das Wort SIEGER und legt ER, SIE und G frei. Das G in der Mitte verleitet zu weiteren Möglichkeiten des Permutierens. Der Sinn der Konkreten Poesie, vor allem bei der Bildung von Flächentexten, ist es, die Lesegewohnheit des Obenlinks - Beginnens einmal in Frage zu stellen. In diesem Beispiel bietet sich an, links unten zu beginnen mit „SIE“, woraus sich SIEGER ergibt. Um das ER geht es auch im zweiten Beispiel. Die Autorin hat den Blick dafür, das ER zu entdecken, also auch in „immer“ und in „weiter“, so dass man zwangsläufig auf „immerER“ oder sogar „immerweiterER“ usw. herauslesen kann.

62) Rudolf Mayer – Freiwaldau. Der Künstler spielt mit seiner Aussage nach den Regeln der zweiwertigen Logik. Die Vorstellungskraft ruft jedoch vor allem nach Weisheit: Wem gleichen wir eigentlich? Sind wir unsere eigenen Vorfahren? Woher beziehen wir unsere Identität?

63) Shutaro Mukai. Man könnte es fast erraten, dass es sich um Bäume handelt - so anschaulich wirkt das japanische Zeichen Baum. Man wird auch feststellen, dass das Zeichen zweifach und dreifach vorkommt. Das ist die Steigerung von Baum zu Hain und zu Wald. Der Dichter und Designer Mukai, der in Deutschland studierte und ein Theoretiker der Konkreten Poesie ist, hat mit Erscheinungsbild und struktureller Ordnung eine einzigartige Einheit geschaffen. Man zähle: Baum erscheint 4 mal, Hain 8 mal, Wald 12 mal. Diese Steigerung entspricht der Zunahme der Elemente. Baum besteht aus 4 Elementen, Hain aus 8 und Wald aus 12. Als Elemente sind die Striche zu zählen, aus denen ein Zeichen aufgebaut ist. Wo es am dichtesten ist, ist Wald. Dieser logische Aufbau einer Konstellation ist eine der großen Möglichkeiten der Konkreten Poesie, Syntax zu visualisieren, vom Element her zu entwickeln, analog zu gestalten.

64) Philadelpho Menezes (1960-2000) ist nach der berühmten Triade der Konkreten Dichter von Sao Paulo – die Gebrüder Campos und Decio Pignatari – die erste Adresse der Konkreten Poesie in Brasilien geworden. Er hat sich früh der Computerschrift angenommen, die auch Flussler lehrte. Die formale Übereinstimmung von „a“, das an zweiter Stelle steht, ist in Ziffer „2“ gegeben. Mit der Jahreszahl „2002“ wird alles noch einmal deutlich gemacht. Durch seinen frühen Tod ist die erfolgreiche Entwicklung der Konkreten Poesie in São Paulo leider unterbrochen worden.

65) Zum festen Bestandteil aller Anthologien der Konkreten Poesie zählt der Text „rotor“ von Franz Mon. Wie ein Tornado, in dessen Auge die Stille herrscht, drängt die Typografie die drei Buchstaben an die Peripherie und macht die Aktion „roto“ evident. Die Bewegung entsteht durch die unterschiedlichen Schriftgrade und ebenfalls durch „o“, das zu kreisen scheint. Ein einzelnes Wort erfährt auf diese Weise seine visuelle Identität. Auch hier wird der Leser mit Spielsinn noch seine Entdeckungen machen und Wörter anderer Bedeutung festhalten.

66) Richard Müller (1874-1954). Der Autor kennt seine Dichter auch als bekannter Betreiber der edition fundamental in Köln. Seine mundartlichen Konstellationen, die grün, gelb, schön und egal gegenseitig zur Steigerung bringen, zählen zu den interessanten Beispiel der Mundartpoesie, wie sie die Konkrete Poesie ins Spiel gebracht hat. Die Beschränkung auf wenige Begriffe – und diese in reduzierter Form – lässt zu, dass ihnen ungeahnte lautliche und visuelle Bedeutung zuwächst.

67) Tadeusz Myslowski. ist gebürtiger Pole und naturalisierter Amerikaner. Dieser Hinweis ist für den sensiblen Betrachter der vier sich kreuzenden Wörter in drei Sprachen vielleicht überflüssig. Die Erinnerung an amerikanischestädtebauliche Strukturen als Blocks und Kreuzungen wird auf alle Fälle geweckt. Ein kleiner Hinweis auf New York ist am Rande mitgegeben. Es ist gleichzeitig ein Hinweis auf eine reale Struktur, und somit wird der Text eine Art Abbildung. Indem jedoch Kreuzungen sich auch rein buchstäblich herstellen lassen – jedem Kreuzworträtsellöser wohl bekannt – wird das Buchstabengebilde zur selbstreferenziellen Realität.

68) Kasimir Malewitsch (1879-1935). Eine prägnante, starke Aussage, die es zu beherzigen gilt. Man wird auch immer wieder darauf zurückkommen, trotz anderer „Rahmenbedingungen“ der Kunst. Schließlich hält sich die Sinneswahrnehmung mit Vorliebe an Formen und Konturen.

69) Joana Metes. Die vielseitig tätige Künstlerin geht auf die Kreisform ein. Sie stellt tiefste Fragen der Menschheit auf der Gottsuche und findet im geschlossenen Kreis Antworten. Die Größe der Schrift macht den Text lesbar, bleibt aber dem plakativen Angebot fern. Der Text ist für jeden Einzelnen gedacht. Dennoch wird gegenüber Gott mit Wir gesprochen.

70) Piet Mondrian (1872-1944). Ähnlich wie bei Malewitsch und anderen Pionieren faszinieren die starken und im besten Sinn maßgeblichen Sentenzen. Sie wirken auch in ihrer Widersprüchlichkeit: „Vergiss die Kunst: Das Neue muss realisiert werden“. Die Radikalität, mit der die Künstler des De Stijl ans Werk gingen, verhalf der Realisierung des Neuen. Es war die Konkrete Kunst.

76) Rolf Persch (1949-2015). Ein Stück Herz mit Sentimentalität ist Text geworden. Einerseits steht fest und wird auf der rechten Seite mehrfach wiederholt: „herz tut tut“. Das ist der mechanische Teil. Der intuitive Teil bringt ein: „mein, sein, ein, so weh“. Die drei Strophen brauchen nicht ausgeschrieben zu werden. Ihr Sinn steht ja fest, Punkte genügen. Wen jammert es nicht?

77) Clemente Padin. Der Dichter aus Uruguay zählt zur ersten Gruppe der Konkreten Dichter in Südamerika. PAN und PAZ – Brot und Friede- verknüpfen sich beweiskräftig durch die Kontamination von N mit Z. Auf diese Weise plakativ stellte die Konkrete Poesie anfänglich ihre Entdeckungen und Untersuchungen am Wort dar.

79) Da wirkt der Text von Johannes Richtberg Nohl offen und verheißend. „8 x A“ die Sammlung von Wörtern, die alle mit „A“ beginnen, könnte noch lange fortgesetzt werden. Die Macht des Wortes wirkt von der Wand, und der eine oder andere Leser wird sich eines der Wörter erinnernd mitnehmen: Angst? Ausweg? Abschied? Bekanntes wird neu erfahren. Lesen wird zur Therapie. Wie die hier beschriebenen Beispiele zeigen, versuchen Dichter, Sprachgestalter oft die Macht des Einzelwortes zurückzugewinnen. Richtberg Nohl sieht das feldmäßig und hebt Spannungen auf. Auf dem Weg zur Entropie?

80) Joachim Rönneper. Nur zwei Worte und dazwischen 15 Leerzeilen, die mit viel Bedeutung aufgeladen sein müssen, denn alles endet im „ich“. Das Anfangswort „Gedankenstr“ endet nicht mit einem Abkürzungspunkt, sondern setzt sich fort mit einem Strich, ist also als Gedankenstrich zu lesen. Und dann? Darüber zerbreche man sich den Kopf, aber es macht Spaß, Spaß mit Gedanken. Es ist ein schönes Stück Konzeptkunst, ein überlanger Gedankenstrich.

81) Pavel Rudolf. Die Transformation der vier Buchstaben von TIME in geometrische Formen ist sehr überzeugend gelöst. Die Buchstaben lassen sich, angefangen mit T und I, aus der linearen Struktur herauslesen. Überaus passend dazu die beiden runden Formen in der Hauswand. TIME heißt Zeit, etwas davon nimmt die Transformation selbst in Anspruch.

82) Jan Steklik (1938-2017). Das berühmte Gedicht „Fisches Nachtgesang“ von Christian Morgenstern erfährt durch Jan Steklik eine neue Interpretation.Hier ist Nacht angedeutet durch das Wort „Nacht“. In die Nacht eingebettet sind die drei Worte „Fisches“, „Nacht“, „Gesang“. Wo bei Morgenstern der Titel nur andeutet, wie die zwei Zeichen – ein Strich und ein Bogen – aufzufassen sind, ist im visuellen Text von Jan Steklik der Gesang des Fisches wörtlich-bildlich- Fisch und Gesang übrigens auch in Bogenform geschrieben - das Wort selbst.

83) Babak Saed. Einem im Iran geborenen Dichter fällt in Deutschland etwas auf: „Reinigensiegründlich“. Das so vor Augen geführt, wird zur verschmitzt lächelnden Botschaft. Dazu fallen dem geneigten Leser sicherlich nun auch noch andere deutsche Wörter auf, die hervorgehoben zu werden verdienen.

84) Shoji Yoshizawa. Die schöne Zeichenfolge gleicht einer Komposition für ein Instrument. Da das Zeichen ganz oben die BedeutungTon, Laut, Schall hat und die folgenden Zeichen eine Art Ableitungen des Grundzeichens sind, ist eine Anleitung für Töne gegeben. Auch ohne Kenntnisse des Chinesischenwirkt die luftige Zeichenfolge ganz wie Ton, Laut und Schall.
86) Diet Sayler. Das Wort „Fly“ erweitert – in Relation zu Fläche und Farbe – die konkrete Form und löst die Gewohnheiten auf, ein Werk zu klassifizieren. Gedanken können – wie ein Flug – nicht aufgehalten werden. Dem Betrachter wird nichts aufgezwungen, denn er hat die Freiheit, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Der individuelle geistige Raum bewegt sich universell in unvorstellbaren Dimensionen, die noch erforscht werden müssen. Sayler öffnet Perspektiven, in die man penetrieren möchte.
88) Michal Škoda. Ein Sprachraum wird gebildet durch zwei Formen der Deklination und zwei präpositionale Begriffe. Ähnlich der chinesischen Vorstellung des Quadrates ist der Raum geschlossen. Und ähnlich der chinesischen Auffassung lässt auch dieses Quadrat mehrere Deutungen zu. Es wird z.B. ein Raum gebildet durch „Der Raum des Raumes zum Raum im Raum“. Wenn man an einer anderen Stelle mit Lesen beginnt, kann es heißen: „Im Raum der Raum des Raumes zum Raum“.
89) Henryk Stażewski (1894-1998). Der Satz ist im Französischen besonders schön und durch seinen Schwung und die Eleganz eindringlicher. Zum einen ist der Kampf auszutragen gegen sich selbst, gegen die Verweichlichung und Genügsamkeit, zum anderen kämpft der in seiner Arbeit Kämpfende aber auch nach außen, gegen Verhältnisse der Gesellschaft, gegen Unredlichkeit, heute vielleicht auch noch gegen Globalismus. Das Ziel des Kampfes ist schwerer auszumachen als die Tatsache, dass künstlerische Produktion an sich eine kämpferische Einstellung mit sich bringt. Davon ist auch der Geringste betroffen. Denn Kunst verlangt alles.

90) Konrad Balder Schäuffelen (1929-2012). Der Dichter ist ein Urgestein der Konkreten Poesie. Aus einer bekannten sprichwörtlichen Formel über das, was einem geschehen kann, macht er ein Monument der Nachdenklichkeit. „Gehen“ würde auch passen, aber „verGehen“ ist das volkstümliche Verständnis. Es sind die kleinen Einheiten der Sprache, mit denen der Konkrete Poet große Veränderungen bewirken kann. Der Unterschied von Gehen zu Vergehen ist bedenkenswert und bedenklich.

91) Martin Steiner. Die vier einfachen Sätze, geformt aus Begriffen des Wahrnehmungsbereichs und sprachlich abgeleiteten Verben, umfassen Kunst und Leben. Braucht es weitere Aussagen? Der Redundanz entgegen wirkt die gute Wendung am Schluss: Da wird aus dem erwartenden „Das Leben lebt mich“ (auch nicht schlecht) „Das Leben liebt mich“. Charakteristisch für die Konkrete Poesie ist die einfache Formulierung, die aus sich selbst entsteht, am Wort bleibt, weitereichende und vertiefte Bedeutung jedoch zulässt.

92) Die Konkrete Poesie hat das Einwort-Gedicht möglich gemacht. Shalom Sechvi (1928-2013) kann es sich dank der umfassenden Bedeutung des Hebräischen „A“ leisten, mit diesem einzigen Buchstaben seinen Text zugestalten. Das A= „Alef“ im Hebräischen ist der Anfangsbuchstabe wichtiger Bedeutungen wie Gott, Liebe, Erde, Feuer, Mensch, Vater, Mutter, Bruder, Schwester usw. Das Zeichen an der Hauswand ist das A =“Alef“. Wer dieses Wissen nicht besitzt, dürfte sich ins Bild setzen wollen, dürfte nachforschen und nachfragen. Es ist anzunehmen, dass, je mehr Texte an den Fassaden auftauchen, auch das Interesse zunehmen wird. Sollte jedoch von einer besondern Schwierigkeit des Verständnisses solcher Texte die Rede sein, darf man ruhig darauf hinweisen, dass Dichtung jeglicher Form und Gestaltung stets Interesse und Hingabe erfordert. Das Zeichen „Alef“ beinhaltet gerade durch seine „unübliche“ Gestalt die Spur eines Geheimnisses, welche schließlich zur Bekanntschaft mit einer alten Kultur führt.

93) Mit Siegfried J. Schmidt. Die drei Begriffe „macht,„recht“ und „moral“ hat er eingebracht auf einerFassade zwischen dem Gericht und der Kirche. Er verwendet sie permutativ als drei Fragesätze. Er stellt nur die Fragen, die Antworten kann der Leser sich selbst geben. Anlass dazu besteht immer.

94) Toshiko Takao. Ein kalligrafischer Hinweis darauf, dass zwischen Mensch und Zeit kein Synchronismus besteht: „Die Zeit läuft und wartet nicht auf den Menschen“. Wer daraus eine tragische Botschaft liest, wird vielleicht durch die ansprechende Wahrheit entschädigt, auf alle Fälle auch durch die spontane Schönheit der Schrift.

95) Timm Ulrichs. Von außen nach innen, radiär zu lesen, ergibt sich immer das eine Wort „stets“. Man ist versucht zu sagen: Stets ergibt sich stets. Alle diese „stets“ haben den Buchstaben „e“ im Zentrum gemeinsam. Dies ist eine Hommage an einen Buchstaben. Aber auch das „s“ an der Peripherie und das „t“ im Inneren des Kranzes zeigen sich als markante Gestalten. Man muss zur Überzeugung gelangen, dass das Wort „stets“ auf diese Weise genau richtig dargestellt ist.


96,97) Herman de Vries. Mit den vier Fragewörtern an der Wand nimmt er vier philosophische Grundfragen auf und gibt ihnen visuelles Gewicht. Die Antworten wird sich jeder Einzelne selbst geben müssen. Das Beispiel „to be“ liegt ähnlich, indem es den metaphysischen Seinsbegriff eindringlich vertieft, in der Form jedoch sich wie eine Verszeile lesen, wenn nicht singen lässt.

98) Václav Vokolek. Dass da etwas nicht vollständig ausgeschrieben ist, wird man bald mit Verblüffung feststellen. Es sind angefangene Zeilen, auch das Ende von Zeilen ist erkennbar. Was dazwischen liegt – liegen könnte? - das herauszufinden, ist die Aufgabe des Lesers und des Stadtwanderers. Wie bei kaum einem anderen Text an der Wand ist hier Mitarbeit gefordert. Es dürfen sich auch ganze Gruppen beteiligen!


99,100) Einen Zwischenweg geht Jiří Valoch aus Brünn: Die beiden kurzen Wortpaare „Words only“ (nur Worte) und „something else“ (sonst etwas) sind nicht ortsgebunden, sind aber, wie die unterschiedlichen Fassaden zeigen, richtig am Platze. Auch Valoch ist ein Meister der Kurzform und der damit verbundenen semantischen Mehrdeutigkeit.
101,102) Ludwig Wilding (1927-2010). An zwei Fassaden einer Trafostation sind je auf einer Seite die Wörter „Phänomen“ und „phänomenal“ zu lesen. Es werfen sich dem Vorübergehenden Fragen auf, z. B. welche außergewöhnliche Ereignisse, Wunder, Seltenheiten oder auffallenden Erscheinungen diese Begriffe gelten. Man sucht in der Umgebung, hinterfragt undfindet die Erkenntnis in seiner Erfahrung. Vielleicht fängt hier die bewusste Wahrnehmung an.

103) Ela Wozniewska. Eine Konstellation aus zwei Begriffen, die in mehrfacher Weise miteinander verknüpft sind: Durch das gemeinsame T in der Mitte in roter Farbe, durch ausgefüllte und nicht ausgefüllte Buchstaben. Man bedenke, wie viel angesprochen werden kann allein durch ein geschicktes Verknüpfen und Vertauschen.

104) Ein schönes Beispiel, wie Weisheit und Poesie in Schriftzeichen zusammenfinden können, ist dasjenige des in Peking geborenen Yue Ning. Die drei Zeichengruppen sind von rechts nach links und von oben nach unten zu lesen, also in klassischer Tradition. Die drei Zeichen rechts außen bedeuten „essen“, trinken“, „schlafen“ und ergeben, nach des Dichters eigenem Kommentar, den Sinn „nach der eigenen Natur leben“. Die mittlere Gruppe besteht aus den Zeichen „ Nichts denken“, was heißen soll „die Suche in der äußeren Welt abbrechen“. Die Gruppe links bedeutet „schauen in die Wolken“, womit der Dichter ein Einswerden von Himmel und Menschen suggeriert. Jedes der sieben Zeichen ist in sich eine Komposition von Zeichen, so dass sich in einem einzigen Schriftzeichen meist mehrere Erfahrungen versammeln. Wie man sieht, bieten wenige Zeichen viel Denkraum – ganz im Sinne der Konkreten Poesie.

106) Matthias Weidmann. Die beiden umrahmten Sätze passen in ihrer saloppen Form zur außergewöhnlichen Form der Wand. Die sehr persönliche Diktion kontrastiert ironisch mit der schrägen Aufwärtsrichtung der Wand. Es mag deren Richtung sein, die zu einem„Großes Vorhaben“ motivierte. „Was soll’s“ ist die Zurücknahme. Es passt alles eben zusammen: Wand, Anspruch, Trivialität, nette Umrahmung.


107,108) Wolf Wezel befasst sich vorwiegendmit einzelnen Wörtern und verschafft ihnendurch innere Analysen erweiterte Bedeutungen. Aus den vier Buchstaben von „raum“ bildet er Dreiergruppen, wobei es ihm sogar gelingt, aus dem Wort „raum“ den „um raum“ zu destillieren. Ein hervorragendes Beispiel Konkreter Poesie.

109) Uwe Warnke. Ein klassisches Beispiel des Reduktionsprozesses als ein Verfahren der Konkreten Poesie. Hier führt diese Methode unweigerlich von „international“ zu „intern“, was alles sagt. Solche Begriffsanalysen schärfen auch im Alltag das Bewusstsein der sprachlichen Omnipotenz und eines entsprechenden kritischen Verhaltens.


111,112) Laci Zajac. „Das Wachen ersingen“, „Schönheit verkünden“ – mit wenigen Worten wird ein jugendlicher Optimismus in die Welt gesetzt. Der Leser hat den Eindruck, dass die Worte spontane Äußerungen sind. Das kann ansteckend wirken. Geübt jedoch über die vielen Seiten des „Offenen Buches“ denkt er sich vielleicht auch: „Das Wachen verkünden“ – „Schönheit ersingen“. Dass der Leser solcher Stellen selbst zum Dichter werde, ist sicherlich eines der feinsten Anliegen der städtischen Aktion.

114) Gemeinschaftsarbeit von Schülern und Lehrern der Konrad-Zuse-Schule Hünfeld zum Thema: „Unsere Schule und ihr Wesen“.











115 bis 125) Die Skulptur „Vokale“ und der Plattenweg mit einem Gedicht Es war die Idee des Initianten des Museums und der Aktion des „Offenen Buches“, Jürgen Blum, dass der neue Platz eines Kreisverkehrs und der hinführende Fuß- und Radweg als hommage an den „Vater der Konkreten Poesie“, Eugen Gomringer, dessen Namen tragen sollten. Es war auch die Entscheidung Jürgen Blums, für den Mittelpunkt des neuen Platzes die bisher nur als Grafik oder Kleinskulptur existierende Arbeit „Vokale“ in einer Großversion in Stahl ausführen zu lassen. „Vokale“ ist ein Typogramm, bestehend aus den Vokalen u,a,e,o,i. Entsprechend der Definition Gomringers beachten Typogramme die Gestalt einzelner Lettern und führen sie allein oder in Zusammenhang mit anderen Lettern markant vor Augen. Zahlreiche Beispiele des „Offenen Buches“ sind Typogramme und lassen sich, wie nirgendwo sonst, in einer internationalen Auswahl studieren. „Vokale“ ist eine Ehrung der Vokale und ihrer visuellen Aspekte. Gomringer hat sie so geordnet, dass – von oben beginnend – u, a, e, o mit kleinen Zwischenräumen aneinandergefügt sind und alle zusammen durch das durchgehende „i“ ein übergeordnetes Zeichenbilden. Der auf den ersten Blick fremdartige Aspekt der Skulptur ist durchaus gewünscht, denn sie soll oder darf - wie die meisten Texte in Hünfeld - erraten und untersucht werden. Mit den Lettern „u“ und „o“, die den Abschluss bilden, sind sogar zusammen mit dem „i“ richtige chinesische Charaktere entstanden. Unschwer erkennt man heute das untere „o“ mit dem senkrechten Strich – dem „i“ - Zeichen für China, wie es fast alle China-Lokale schmückt. Für den Weg zum neuen Platz hatte Jürgen Blum vorgeschlagen, auf zehn in den Boden eingelassenen Granitplatten ein Gedicht anzubringen, das sich beim Gehen lesend entwickelt. Gomringer wählte diesmal keinen Gedichtstext der konkreten Art, sondern einen Text, der sich in Kurzzeilen prägnant erkennen und verstehen lässt. Die Kurzzeilen enthalten Erfahrungen, die das Leben bringt, zum Beispiel „Kleine Kräfte tönen laut- weil sonst keiner auf sie schaut“. Auch die Reime sind eingehend, so dass das Lesen diesmal im Vorwärtsschreiten von Platte zu Platte etwas bringt